Vor ein paar Tagen bin ich über eine Meldung vom Oak Ridge National Laboratory gestolpert, die mich schmunzeln hat lassen: Forscher in den USA haben eine Methode entwickelt, mit der sich Plastiksackerl und Schneidbretter aus Polyethylen bei unter 200 Grad in Benzin und Diesel verwandeln lassen – ganz ohne teure Edelmetall-Katalysatoren. Eine beachtliche Leistung der Chemie. Nur: Pilze bauen Plastik ab, ganz ohne Labor, Aluminium-Schmelzsalz oder Backofen-Temperatur – und das schon seit Jahren, in Wäldern und auf Mülldeponien, still und leise. Diese Fähigkeit nennt man Mycoremediation, und sie ist einer der Gründe, warum ich Pilze für die unterschätztesten Organismen überhaupt halte.
Die Chemie-Variante: Vom Plastiksackerl zum Diesel
Die aktuelle Studie, veröffentlicht im Journal of the American Chemical Society, zeigt, wie ein Team rund um Sheng Dai vom Oak Ridge National Laboratory und der University of Tennessee Polyethylen – also die Kunststoffsorte, aus der die meisten Verpackungen, Sackerl und Schneidbretter bestehen – in Kraftstoff zerlegt. Verwendet wird ein Aluminium-basiertes Schmelzsalz, das gleichzeitig als Reaktionsmedium und Katalysator dient. Bei Temperaturen unter 200 Grad entstehen so bis zu 60 Prozent Benzin-ähnliche Verbindungen, der Rest liefert Diesel-ähnliche Fraktionen. Bemerkenswert: Es braucht weder Edelmetall-Katalysatoren noch organische Lösungsmittel, externen Wasserstoff oder chemische Initiatoren – klassische Pyrolyse-Verfahren laufen dagegen erst bei 450 bis 500 Grad. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Das Aluminiumsalz zieht Feuchtigkeit an, was die Stabilität des Verfahrens im Dauerbetrieb noch infrage stellt.
Pilze bauen Plastik ab – die biologische Variante
Während die Chemie mit Hitze und Katalysatoren arbeitet, setzt die Natur auf Enzyme. Mehrere Pilzarten sind in der Lage, langkettige Kunststoffmoleküle aufzubrechen – nicht annähernd so schnell wie ein Hochtemperatur-Reaktor, aber ohne jede externe Energiezufuhr. Mycoremediation nennt man den Einsatz von Pilzen und ihrem Myzel, um Schadstoffe oder eben Kunststoffe biologisch abzubauen.
Pestalotiopsis microspora – der Pilz aus dem Regenwald
Der bekannteste Fall stammt von einer Studierendenexpedition der Yale University unter Leitung von Scott Strobel, die im Yasuní-Nationalpark in Ecuador endophytische Pilze sammelte – also Pilze, die im Inneren von Pflanzengewebe leben. Einer davon, Pestalotiopsis microspora, produziert ein Enzym aus der Gruppe der Serinhydrolasen, das Polyurethan spaltet, sobald es mit Wasser in Kontakt kommt. Das Besondere daran: Der Pilz funktioniert auch unter sauerstoff- und lichtarmen Bedingungen, wie sie tief in einer Mülldeponie herrschen Studie auf PubMed.
Aspergillus tubingensis – der Deponie-Pilz aus Pakistan
Ein zweiter Kandidat wurde ausgerechnet auf einer Mülldeponie in Islamabad, Pakistan, entdeckt: Aspergillus tubingensis baut Polyurethan innerhalb weniger Wochen ab, indem er die Kunststoffoberfläche zunächst mit seinem Myzel mechanisch durchwächst und anschließend biochemisch zersetzt.
Austernpilze in der Mycoremediation-Forschung
Auch Speisepilze wie der Austernpilz (Pleurotus ostreatus) tauchen in Studien zur Mycoremediation auf – Untersuchungen zeigen, dass sein Myzel Polyethylen zumindest oberflächlich besiedeln und in seiner Struktur verändern kann. Wer selbst mit einem Austernpilz-Zuchtset arbeitet, weiß: Das Myzel dieser Art wächst aggressiv und schnell – genau die Eigenschaften, die man sich für einen biologischen Abbauprozess wünschen würde. Bis daraus ein industrietaugliches Verfahren wird, ist es aber noch ein weiter Weg.
Chemie vs. Pilz – zwei Wege, ein Ziel
Beide Ansätze lösen das gleiche Problem völlig unterschiedlich. Die Chemie-Methode aus Oak Ridge ist schnell, steuerbar und liefert ein verwertbares Endprodukt – Kraftstoff –, braucht dafür aber Anlage, Temperatur und einen funktionierenden Katalysator. Die biologische Variante braucht nichts davon: keinen Strom, keine Anlage, keinen Katalysator außer dem Pilz selbst. Dafür ist sie langsam, schwer steuerbar und bisher nicht annähernd in einem Maßstab reproduzierbar, der eine Deponie in absehbarer Zeit sanieren könnte. Das Hindernis ist fast immer dasselbe: Die Enzyme müssten in großen Mengen produziert werden, um wirklich etwas zu bewegen – und genau daran hakt es aktuell bei fast allen mykoremediativen Verfahren.
Aus der Praxis: Ehrlich gesagt beschäftigt mich das Plastik-Thema auch im eigenen Betrieb, und ich bin da nicht ganz unschuldig: Ein Großteil meiner Körnerbrut und Dübelbrut geht nach wie vor in Kunststoffbeuteln bzw. -gebinden raus, weil sich damit die Sterilität am zuverlässigsten halten lässt. Ich hab schon mit kompostierbaren Beuteln experimentiert – das Problem ist, dass viele davon der Dampfsterilisation bei 121 Grad nicht standhalten oder sich beim Abfüllen einfach schlechter verarbeiten lassen als klassisches PE. Aktuell sammle ich zumindest die Substratbeutel meiner Kunden wieder ein, wo es geht, und führe sie einer separaten Kunststoffsammlung zu. Eine wirklich runde Lösung hab ich noch nicht gefunden – aber genau deshalb interessiert mich die Mycoremediation-Forschung: Vielleicht schließt sich der Kreis irgendwann tatsächlich mit dem eigenen Werkzeug.
Praktische Tipps
Für Hobbyzüchter
Wer neugierig ist, kann mykoremediative Effekte im Kleinen selbst beobachten: Leg ausgedientes Myzel-Substrat, etwa von deinem Austernpilz-Zuchtset, einige Wochen auf ein sauberes PE-Stück, halt es feucht und schau dir die Oberfläche unter der Lupe an – erwarte dir aber keine sichtbaren „Löcher“, solche Prozesse dauern in der Praxis Monate bis Jahre. Wichtiger im Alltag: Achte beim Kauf von Substrat und Zubehör auf wiederverwendbare oder recycelbare Verpackung, wo es sie gibt.
Für (Neben-)Erwerbszüchter
Wer im größeren Stil produziert, sollte den Plastikverbrauch nüchtern durchrechnen: Wie viele Beutel bzw. Gebinde fallen pro Charge an, welche Rücknahme- oder Recyclingmöglichkeiten gibt es regional, und wo lohnt sich der Umstieg auf Mehrweg-Gebinde trotz höherer Anfangsinvestition. Mycoremediation ist im industriellen Maßstab noch Zukunftsmusik – die Vermeidung von Plastik im laufenden Betrieb ist es nicht.
Fazit
Zwei völlig unterschiedliche Antworten auf dasselbe Problem: Die Chemie liefert in Oak Ridge unter Laborbedingungen ein steuerbares Verfahren mit brauchbarem Output. Die Natur experimentiert seit Jahrmillionen mit denselben Fragen – langsamer, aber ganz ohne Energiezufuhr. Für uns Pilzzüchter bleibt beides spannend: als Denkanstoß und als Erinnerung, dass Myzel weit mehr kann, als nur Speisepilze zu produzieren. Mehr zu den biologischen Fähigkeiten von Pilzen findest du im Blog/Ratgeber, und wer selbst tiefer in die Pilzzucht einsteigen will, ist in unseren Pilzzuchtkursen & Workshops genau richtig.

