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Hexenringe im Rasen: Warum der Pilz immer nach außen wandert

    Kaum eine Frage höre ich im Spätsommer so oft wie diese: „Bei mir im Garten ist ein Kreis aus Pilzen aufgetaucht – was ist da los?“ Hexenringe im Rasen sind seit Jahrhunderten Stoff für Sagen. Dass der Ring Jahr für Jahr größer wird, war Mykologen zwar lange bekannt. Warum das Myzel aber so konsequent nach außen zieht und nie zurück in die Mitte, konnte bisher niemand sauber belegen. Eine neue Studie aus Schweden liefert jetzt molekulare Daten dazu.

    Was hinter Hexenringen im Rasen steckt

    Was man oben sieht – die Pilze im Kreis, oft ein Streifen sattgrünes Gras, manchmal ein brauner, abgestorbener Ring daneben – ist nur die Oberfläche. Darunter liegt ein Pilzgeflecht, das von einem Punkt aus gestartet ist und sich seitdem gleichmäßig in alle Richtungen ausbreitet. Auf offenen Wiesen ohne Hindernisse ergibt das einen nahezu perfekten Kreis.

    Eine der bekanntesten Arten dahinter ist der Nelkenschwindling (Marasmius oreades). Ein kleiner, zäher, hellbrauner Pilz, der auf Rasenflächen, Weiden und Friedhofswiesen zuverlässig auftaucht. Wer ihn genauer kennenlernen will, findet bei First Nature eine gute Artbeschreibung.

    Die Studie: DNA-Proben quer durch den Ring

    Ein Forschungsteam hat zwei natürliche Nelkenschwindling-Ringe auf einem Friedhof in Uppsala untersucht. Veröffentlicht wurde die Arbeit unter dem Titel „Spatial structure and growth dynamics of fairy rings formed by Marasmius oreades“ in Royal Society Open Science.

    So gingen die Forschenden vor

    • Bodenproben entlang gerader Linien: vom Ringinneren über den Rand bis in den unbesiedelten Außenbereich
    • Metagenomische Sequenzierung, also Auslesen der gesamten Erbsubstanz in jeder Probe
    • Gezielter Abgleich mit dem Genom des Nelkenschwindlings, um den Pilzanteil zu bestimmen
    • Ein Freilandexperiment: Teile der Ringe wurden ausgegraben, gedreht und versetzt und danach 14 Monate lang beobachtet

    Das Ergebnis

    Die Pilz-DNA war am äußeren Rand am stärksten konzentriert. Richtung Mitte fiel sie bis auf Hintergrundwerte ab. Damit ist klar: Nicht nur die Fruchtkörper stehen im Kreis, das gesamte aktive Myzel bildet einen offenen Ring. Die Mitte ist praktisch geräumt. Außerdem zeigte sich, dass die Pilzfäden zweikernig sind – das ist das Stadium, aus dem überhaupt Fruchtkörper entstehen können.

    Warum das Myzel nach außen flieht

    Die Forschenden sprechen sinngemäß von einer Flucht-Hypothese. Der Boden, den der Pilz bereits besiedelt hat, wird für ihn zeitweise unbewohnbar. Entweder sind die verwertbaren Nährstoffe aufgebraucht, oder es haben sich hemmende Stoffwechselprodukte angesammelt – wahrscheinlich beides. Zurück kann das Myzel also nicht. Es bleibt nur der Weg in frischen, noch unbesiedelten Boden. Weil das in alle Richtungen gleich gilt, wächst der Ring als Wellenfront nach außen.

    Der dunkelgrüne, üppige Grasstreifen an der Front hat mit demselben Prozess zu tun: Beim Abbau organischer Substanz setzt der Pilz Stickstoff frei, den das Gras sofort nutzt. Der Hexenring ist also kein Krankheitszeichen des Rasens, sondern ein lebendes Netzwerk, das langsam über die Fläche wandert. Und weil die Wachstumsgeschwindigkeit relativ konstant ist, lässt sich aus dem Durchmesser grob abschätzen, wie lange der Pilz schon dort aktiv ist. Bei großen Ringen reden wir von Jahrzehnten.

    Was das mit Pilzzucht zu tun hat

    Für mich ist die Studie deshalb interessant, weil sie im Großen zeigt, was wir in der Zucht täglich im Kleinen sehen. Myzel ist kein statisches Gewebe. Es frisst sich durch ein Substrat, und wo es durch ist, ist es durch. Ein abgeerntetes Substrat wird nicht wieder zur Hochleistungsfläche, egal wie lange man wartet. Die Energie sitzt an der Wachstumsfront.

    Aus meiner Praxis: Ein Kunde hat mich einmal gefragt, wie er den Hexenring in seinem Rasen wieder loswird. Meine ehrliche Antwort war: am besten gar nicht bekämpfen. Fungizide erwischen das Myzel im dichten, oft wasserabweisenden Boden kaum, und Umgraben bringt meistens nur etwas, wenn man großzügig und tief arbeitet – das ist für einen Pilz, der dem Rasen eigentlich nicht schadet, ein unverhältnismäßiger Aufwand. Gut belüften, gleichmäßig wässern und düngen, dann gleicht sich das Grün meist an. Ganz ehrlich: Mir gefällt so ein Ring. Er zeigt, dass im Boden was lebt.

    Praktische Tipps

    Für Gartenbesitzer und Hobbyzüchter

    • Beobachten statt bekämpfen: Markier dir den Ring im Herbst mit ein paar Stäben und miss im nächsten Jahr nach. Dann siehst du selbst, wie weit das Myzel gewandert ist.
    • Braune Stellen entschärfen: Wenn der Boden im Ring trocken und wasserabweisend wird, hilft Aerifizieren und durchdringendes Gießen mehr als jedes Mittel.
    • Nicht wahllos essen: Der Nelkenschwindling ist ein guter Speisepilz, aber auf Rasenflächen wachsen auch giftige Trichterlinge, die ihm ähnlich sehen. Nur sammeln, wenn du die Art sicher bestimmen kannst.
    • Das Prinzip im Beet nutzen: Wer mit Körnerbrut ein Pilzbeet anlegt, sollte immer mal wieder frisches Material nachlegen. Das Myzel wandert dorthin, wo es noch etwas zu holen gibt.

    Fazit

    Hexenringe im Rasen sind kein Mysterium, sondern ein Pilz auf der Flucht vor seinem eigenen Stoffwechsel. Die schwedische Studie zeigt das erstmals sauber auf DNA-Ebene: Das aktive Myzel sitzt am Rand, die Mitte ist leer. Für den Garten heißt das: gelassen bleiben. Für die Zucht heißt es: Myzel braucht frisches Futter, sonst ist Schluss.

    Wenn du selbst sehen willst, wie Myzel ein Substrat erobert, sind unsere Pilzzuchtsets ein guter Einstieg. Wer tiefer einsteigen will, findet in den Pilzzuchtkursen und im Ratgeber mehr zum Thema.

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