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Rekordwärme im Meer: Warum Pilzprotein als Fischfutter plötzlich gefragt ist

    silver fishes underwater

    Ende August bin ich über eine Meldung gestolpert, die auf den ersten Blick nichts mit Pilzzucht zu tun hat: Die Weltmeere haben die höchste je gemessene Oberflächentemperatur erreicht, 21,1 Grad im globalen Schnitt. Normalerweise würde ich so eine Zahl lesen, kurz den Kopf schütteln und weiterscrollen. Aber ein Absatz weiter unten im Artikel bin ich hängen geblieben: Die Erwärmung bringt die Fischmehl-Versorgung für die Aquakultur ins Wanken – und dabei taucht, mehr als ich erwartet hätte, eine ernsthafte Option auf: Pilzprotein als Fischfutter.

    Rekordwärme im Meer – was die Daten zeigen

    Laut dem Copernicus Climate Change Service erreichten die Ozeane am 29. August 2026 mit 21,1 Grad Celsius Oberflächentemperatur den höchsten je gemessenen Wert. Als Ursache nennt Copernicus eine Kombination aus menschengemachtem Klimawandel und einem verstärkenden El-Niño-Phänomen, wie Ocean 14 Capital Ende September berichtet. Für sich genommen ist das eine Schlagzeile unter vielen zum Thema Klimakrise. Interessant wird es erst, wenn man sich ansieht, was diese Erwärmung mit der globalen Eiweißversorgung macht.

    Warum das die Fischfutter-Versorgung trifft

    Peru liefert in normalen Jahren rund 20 Prozent des weltweiten Fischmehls – ein zentraler Rohstoff für Aquafutter. In der Saison 2026 musste die Fischerei dort bereits im Juni eingestellt werden, nach gerade einmal 25 Prozent der zulässigen Fangquote. Sardinen und Sardellen weichen wegen der wärmeren Gewässer in unregelmäßigen Mustern in kühlere Zonen aus, was die Bestandsplanung zusätzlich erschwert.

    Das trifft eine Branche, die ohnehin stark wächst: 2024 produzierte die Aquakultur weltweit 103 Millionen Tonnen Fisch, das sind 53 Prozent der gesamten Fischproduktion. Die Wildfangfischerei stagniert dagegen seit Jahren bei rund 92 Millionen Tonnen. Mit anderen Worten: Ausgerechnet der Industriezweig, der für die Eiweißversorgung der Zukunft immer wichtiger wird, hängt an einem Rohstoff, der vom Zustand der Ozeane selbst abhängt – und der gerade unberechenbarer wird.

    Die Suche nach Alternativen: Pilzprotein als Fischfutter

    Entsprechend intensiv wird nach Ersatz gesucht. Ein Ansatz kommt aus der Insektenzucht: Das Unternehmen Enthos etwa verarbeitet Larven der Schwarzen Soldatenfliege zu Aquafutter, unabhängig von Wildbestandsschwankungen und Meeresbedingungen.

    Ein zweiter, für mich naheliegenderer Ansatz läuft über Pilzprotein, sogenanntes Mycoprotein. In Schweden haben die Axfoundation und die Swedish University of Agricultural Sciences gemeinsam mit dem Produzenten Cirkulär und dem Fischzuchtbetrieb Älvdalslax ein Projekt mit dem Titel „The Feed of the Future for Fish, Pigs, Poultry and Laying Hens“ gestartet. Seit September 2025 wird dort Forelle mit einem Futter gefüttert, das zu einem wesentlichen Teil aus Mycoprotein besteht – gewonnen aus Reststoffen von Wald, Lebensmittelindustrie und Meer, wie die Axfoundation dokumentiert. Futter macht laut dem Projekt bis zu 92 Prozent des Klima-Fußabdrucks einer Zuchtforelle aus. Mycoprotein soll importierte Soja und Fischmehl ersetzen, ohne mehr Land zu verbrauchen oder zusätzlichen Druck auf die Biodiversität auszuüben.

    Was das mit meiner eigenen Pilzzucht zu tun hat

    Industrielles Mycoprotein für die Lachs- oder Forellenzucht ist natürlich ein anderer Maßstab und ein anderer Prozess als ein Austernpilz-Set am Küchenfenster. Trotzdem steckt dahinter dasselbe Grundprinzip, das mich schon vor Jahren zur Pilzzucht gebracht hat: Pilzmyzel wächst auf Reststoffen, braucht kein fruchtbares Ackerland, keinen Zugang zum Meer und vergleichsweise wenig Wasser. Während globale Lieferketten für tierisches Eiweiß gerade zeigen, wie verletzlich sie gegenüber Wetter, Meerestemperaturen und Fangquoten sind, läuft bei uns in Schleedorf dieselbe Logik im Kleinen: Kaffeesatz, Stroh oder Hobelspäne werden zu Nahrungsmittel, unabhängig davon, was im Pazifik gerade passiert. Wie unsere Branche grundsätzlich mit Reststoffen arbeitet, habe ich an anderer Stelle schon einmal ausführlicher beschrieben.

    TODO Seb: Hier passende eigene Anekdote aus Schleedorf ergänzen, bevor der Artikel veröffentlicht wird.

    Praktische Tipps

    Für Hobbyzüchter: Wer selbst einmal erleben will, wie aus Reststoffen Lebensmittel werden, kommt mit einem Pilzzuchtset günstig rein – Austernpilze auf Kaffeesatz oder Stroh sind dafür der klassische Einstieg und zeigen das Prinzip innerhalb weniger Wochen.

    Für angehende Profis: Wer über Substratproduktion oder die Verwertung regionaler Reststoffe im größeren Stil nachdenkt, findet in unseren Pilzzuchtkursen einen guten Ausgangspunkt, um Hygiene, Substratwahl und Skalierung von Anfang an richtig anzugehen.

    Fazit

    Eine Rekordtemperatur im offenen Meer wirkt erst einmal weit weg von der eigenen Pilzzuchtbox im Keller. Aber die Fischmehl-Krise zeigt im Großen, was in der Pilzzucht im Kleinen längst Alltag ist: Wenn Lieferketten für tierisches Eiweiß wackeln, gewinnen dezentrale, ressourcenschonende Alternativen an Bedeutung. Mycoprotein in der Aquakultur und eine Pilzzuchtbox am Fensterbrett sind zwei völlig unterschiedliche Maßstäbe – aber derselbe Gedanke steckt dahinter.

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