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Lebendiges Myzel-Textil: Pilze als High-Tech-Stoff

    a close up of an orange object on a white surface

    Lebendiges Myzel-Textil aus Cordyceps militaris

    Ich sitze in Schleedorf am Schreibtisch und lese denselben Absatz zum dritten Mal, weil ich nicht ganz glauben will, was da steht: Ein Forschungsteam in Shenzhen hat ein lebendiges Myzel-Textil entwickelt, das sich nach einem Riss von selbst wieder verschließt. Kein Flicken, kein Nähgarn – nur etwas Nährlösung, und der Stoff wächst zusammen.

    Wer wie ich seit Jahren mit Pilzmyzel arbeitet, kennt die Grundidee: Myzel lässt sich zu formstabilen Materialien verarbeiten, etwa für Verpackungen oder Dämmstoffe. Neu an der Studie, veröffentlicht im Fachjournal Science Advances, ist etwas anderes – der Pilz bleibt dabei tatsächlich am Leben.

    Wie aus Pilzfäden ein Stoff wird

    Ausgangspunkt ist Cordyceps militaris, hierzulande auch als Puppenkernkeule oder Vitalpilz bekannt – mehr dazu findest du in unserer Übersicht [LINK: Vitalpilze | /vitalpilze/]. Das Team um Dr. Zhong Chao vom Staatlichen Schlüössellabor für Quantitative Synthetische Biologie an den Shenzhen Institutes of Advanced Technology zieht den Pilz zunächst in Flüssigkultur heran. Dabei bilden sich kleine, kugelige Myzel-Pellets – dichte Knäuel aus verwobenen Pilzfäden.

    Diese Pellets werden in Formen gefüllt. Beim schonenden Trocknen verbinden sich die einzelnen Kugeln von selbst zu einer zusammenhängenden Fläche – ganz ohne Gerüst, Kleber oder Naht. Das Ergebnis ist zunächst spröde, wird durch eine Behandlung mit Glycerin aber flexibel genug, um gefaltet, geschnitten und sogar genäht zu werden. Ein aus vier Streifen gedrehtes Seil aus dem Material hielt im Labortest immerhin einem Kilogramm Zuggewicht stand – für ein reines Pilzprodukt eine beachtliche Zahl.

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    So sieht der Fruchtkörper des Cordyceps Militaris aus.

    Ein Textil, das schläft – und wieder aufwacht

    Das eigentliche Kunststück liegt in der Trocknung selbst. Bei rund 45 Grad Celsius wird der Pilz nicht abgetötet, sondern in eine Art Ruhezustand mit stark heruntergefahrenem Stoffwechsel versetzt. Der Stoff kann so gelagert werden, ohne seine biologische Reparaturfähigkeit zu verlieren.

    Kommt es zu einer Beschädigung, reicht laut Forschungsteam eine Nährlösung aus Kartoffelwasser und etwas frischem Pilzmaterial, um das Myzel zu reaktivieren. Die Fäden beginnen wieder zu wachsen und schließen den beschädigten Bereich schrittweise. In Kompostierungstests im Boden war das Material nach rund 41 Tagen fast vollständig abgebaut – ein Kontrastprogramm zu synthetischen Textilien, die Jahrzehnte brauchen.

    Farbe, UV-Schutz und Selbstreinigung durch fungale Mitbewohner

    Interessant wird es, wenn man dem Myzel-Netzwerk weitere Mikroorganismen hinzufügt. Eine gentechnisch veränderte Hefe (Saccharomyces cerevisiae) bindet sich an das Chitin im Pilzgewebe und färbt die Oberfläche blassblau, rot, orange oder violett – ganz ohne zusätzliche Beschichtung. Mit Melanin angereicherte Fäden von Aspergillus niger sorgen zusätzlich für einen gewissen UV-Schutz, während gezielt angeregtes Luftmyzel für eine Art Selbstreinigung und strukturierte Musterbildung an der Oberfläche sorgt.

    Aus einem einzigen Grundmaterial entsteht so eine Art Baukasten – je nachdem, welche Mitbewohner man dem Myzel mitgibt, verändern sich Farbe, Schutzfunktion und Oberflächenstruktur.

    Was macht lebendiges Myzel-Textil für Pilzzüchter interessant?

    Für die breite Textilindustrie ist das Ganze noch Grundlagenforschung – das Team selbst weist darauf hin, dass Herstellungskonsistenz, Waschbarkeit und Abriebfestigkeit noch viel Arbeit brauchen, bevor an Alltagstauglichkeit zu denken ist. Aus Sicht der Pilzzucht finde ich trotzdem bemerkenswert, wie viel von dem, was hier im Labor passiert, auf Prinzipien beruht, die auch in jedem Zuchtraum eine Rolle spielen: Myzelwachstum, Sterilität, Substratqualität und die Frage, wie stabil ein Pilzprodukt eigentlich wird, wenn man es trocknet.

    Cordyceps militaris ist vielen von euch ohnehin als Vitalpilz ein Begriff. Dass dieselbe Art jetzt auch als Materiallieferant untersucht wird, zeigt, wie breit das Feld der angewandten Mykologie inzwischen geworden ist – von der Küche über den Vitalpilzbereich bis hin zur Materialforschung.

    Aus der Praxis: Mein eigener Ausflug ins Myzel-Material

    Vor ein paar Jahren habe ich selbst aus überschüssigem Austernpilz-Myzel eine Art Ledersatz herstellen wollen – reine Neugier, kein Kundenauftrag. Das Ergebnis war ehrlich gesagt eher krümelige Pappe als Stoff. Ich hatte weder die Trocknungstemperatur im Griff noch eine Nachbehandlung eingeplant. Ohne einen Weichmacher wie Glycerin wird getrocknetes Myzel einfach spröde und bricht beim ersten Falten.

    Genau diesen Schritt – die Plastifizierung – beschreibt auch das Team aus Shenzhen als entscheidend dafür, dass sich ihr Material überhaupt verarbeiten lässt. Was mich an der Studie am meisten überrascht hat, ist deshalb nicht die Grundidee, sondern der Aufwand dahinter: Der Pilz bleibt am Leben und lässt sich gezielt wieder aktivieren. Das ist ein ganz anderes Kaliber als das, was ich damals am Küchentisch versucht habe.

    Praktische Tipps

    Für Hobbyzüchter

    Wenn dich das Thema Myzel als Material reizt, brauchst du kein Labor in Shenzhen. Reste-Myzel aus einem [LINK: Austernpilz-Set | /produkt/austernpilz-zuchtset/] eignet sich gut für erste, unkomplizierte Versuche mit Mycelium-Material – auch wenn du damit natürlich keine lebendige Textilstruktur wie im Paper nachbauen wirst.

    • Arbeite so steril wie möglich – Materialexperimente kontaminieren mindestens genauso schnell wie eine Fruchtungskammer.
    • Trockne dünne Schichten langsam und bei niedriger Temperatur, sonst reißt das Material beim Trocknen.
    • Experimentiere vorsichtig mit etwas Glycerin in der Nachbehandlung, um Sprödigkeit zu reduzieren.
    • Dokumentiere Temperatur und Trocknungsdauer – ohne Notizen wiederholst du zufällige Erfolge nie.

    Für angehende Profis

    Für alle, die beruflich in Richtung Pilzzucht oder Vitalpilz-Verarbeitung denken, ist die Studie vor allem ein Hinweis auf eine Entwicklung, die man im Auge behalten sollte, ohne schon jetzt Geschäftsmodelle darauf zu bauen:

    • Engineered Living Materials sind ein Forschungsfeld, kein marktreifes Produkt – Skalierung, Zulassung und Haltbarkeit sind offene Fragen.
    • Wer sich fachlich weiterbilden will, findet in unseren [LINK: Pilzzuchtkurse & Workshops | /pilzzuchtkurse/] Grundlagen zur Myzelbiologie, die für solche Materialfragen genauso relevant sind wie für die klassische Pilzzucht.
    • Behalte im Blick, dass Substrat- und Myzelqualität in Zukunft nicht nur für Speisepilze, sondern auch für Materialanwendungen zum Wettbewerbsfaktor werden könnten.

    Fazit

    Ob aus lebendigem Myzel-Textil einmal echte Kleidungsstücke werden, die man waschen und mehrfach tragen kann, ist offen – die Forschenden selbst sehen das Material eher für kurzlebige oder einmalige Anwendungen. Für mich als Pilzzüchter ist die Studie trotzdem ein schönes Beispiel dafür, wie viel Potenzial in dem steckt, womit wir tagtäglich arbeiten. Die Originalstudie findest du hier: https://doi.org/10.1126/sciadv.aed6937.

    Mehr rund um Pilzzucht, Vitalpilze und Materialfragen findest du in unserem Blog.

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