Manchmal reicht ein Blick unters Mikroskop, um zu merken, wie wenig man über Pilze eigentlich weiß. Bei uns in Schleedorf genügt schon eine falsch eingeschätzte Luftfeuchtigkeit, und auf einem Substratblock breitet sich ein dunkler Belag aus, den man lieber nicht länger anschaut. Umso mehr ist mir eine aktuelle Meldung über einen sogenannten Tschernobyl-Pilz hängen geblieben: Es geht um genau jene Pilzgattung, die uns Züchtern regelmäßig Sorgen bereitet – nur dass sie an einem der lebensfeindlichsten Orte der Welt nicht bloß überlebt, sondern unter Strahlung offenbar sogar besser wächst.
Die Rede ist von Cladosporium sphaerospermum, einem schwarzen Schimmelpilz, der tief im havarierten Reaktorblock von Tschernobyl entdeckt wurde. Was Forscherinnen und Forscher an ihm beobachtet haben, wirft bis heute Fragen auf, die noch nicht restlos geklärt sind.
Wie der Tschernobyl-Pilz entdeckt wurde
Die Geschichte beginnt in den späten 1990er-Jahren. Ein Team rund um die Mikrobiologin Nelli Zhdanova von der Ukrainischen Nationalen Akademie der Wissenschaften untersuchte, welche Organismen sich rund um den zerstörten Reaktorblock 4 überhaupt noch halten. Fast vier Jahrzehnte nach der Katastrophe von 1986 gilt die Sperrzone bis heute als eindrückliches Beispiel dafür, wie hartnäckig Leben auch dort sein kann, wo es für Menschen gefährlich wird.
37 Pilzarten fand das Team rund um den Reaktorschutzbau, viele davon dunkel gefärbt und reich an Melanin – jenem Pigment, das auch in unserer Haut für Bräunung sorgt. Unter diesen Arten dominierte Cladosporium sphaerospermum die Proben, und zwar ausgerechnet an den Stellen mit der höchsten Strahlenbelastung.
Radiosynthese – wächst der Pilz tatsächlich durch Strahlung?
Ionisierende Strahlung ist energiereich genug, um Elektronen aus Atomen herauszuschlagen. In lebenden Organismen kann sie Moleküle schädigen, biologische Abläufe stören und sogar die DNA angreifen. Genau deshalb war überraschend, was Experimente von Ekaterina Dadachova und Arturo Casadevall vom Albert Einstein College of Medicine zeigten: C. sphaerospermum hat Strahlung nicht bloß toleriert, sondern zeigte darunter verstärktes Wachstum.
Die Forscher stellten außerdem fest, dass Strahlung die elektronischen Eigenschaften des Melanins im Pilz verändert. Daraus entstand 2008 die Hypothese der sogenannten Radiosynthese – ein Mechanismus, der lose an die Photosynthese erinnert. Melanin würde demnach eine ähnliche Rolle spielen wie Chlorophyll bei Pflanzen: als eine Art Antenne, die Energie aus der Umgebung aufnimmt.
Aus der Praxis: Cladosporium ist bei uns im Betrieb kein unbekannter Name – nur meistens kein erfreulicher. 2023 hab ich eine Charge Substratbeutel verloren, weil sich genau dieser dunkle, samtige Belag über Nacht ausgebreitet hat. Kein dramatischer Vorfall, aber ein guter Reminder: Dieselbe Gattung, die in Tschernobyl Schlagzeilen macht, ist bei uns im Kulturraum schlicht ein Kontaminationsrisiko, das man ernst nehmen muss. Strahlungsresistenz hin oder her – gegen zu hohe Luftfeuchtigkeit und schlampige Hygiene hat auch der widerstandsfähigste Pilz keine besonderen Superkräfte, die einem das Leben leichter machen.
Was die Wissenschaft bisher nicht beweisen kann
Ganz so einfach, wie es klingt, ist die Sache nicht. Ein „strahlungsfressender Pilz“ macht zwar eine gute Überschrift, aber bislang konnte niemand eine echte Kohlenstofffixierung nachweisen, die durch ionisierende Strahlung angetrieben wird. Auch einen vollständigen Stoffwechselweg, der zeigt, wie C. sphaerospermum Strahlung tatsächlich in nutzbare biologische Energie umwandelt, gibt es bislang nicht.
Forscher um Nils Averesch von der Stanford University fassten das 2022 in einem Übersichtsartikel zusammen: Eine echte Radiosynthese sei bislang nicht gezeigt worden, ebenso wenig eine Reduktion von Kohlenstoffverbindungen zu energiereicheren Formen durch Strahlung. Auch andere dunkle Pilzarten reagieren nicht zwingend gleich: Während die schwarze Hefe Wangiella dermatitidis unter Strahlung ebenfalls verstärkt wächst, produziert Cladosporium cladosporioides zwar mehr Melanin, wächst aber deshalb nicht schneller.
Ob C. sphaerospermum Strahlung also tatsächlich für sich nutzt oder einfach eine besonders effektive Stressreaktion zeigt, ist damit weiterhin offen. Übersichtsarbeit zur Radiosynthese-Hypothese (Frontiers in Microbiology)
Vom Reaktor auf die Raumstation
Der Pilz hat es inzwischen deutlich weiter geschafft als nur zum Reaktorschutzbau: Forscher haben C. sphaerospermum auf der Internationalen Raumstation getestet, um zu sehen, ob er als eine Art biologischer Strahlenschutz taugen könnte.
In einer Studie, die in PLOS ONE veröffentlicht wurde, registrierten Sensoren unter einer Petrischale mit dem Pilz weniger Strahlung als Sensoren unter einer reinen Agar-Kontrolle ohne Pilzbewuchs. Ziel des Experiments war zu prüfen, ob eine solche Pilzschicht künftig als Strahlenschutz auf Weltraummissionen dienen könnte.
Damit bleibt C. sphaerospermum in einer Grauzone, die für die Wissenschaft eigentlich ziemlich spannend ist: Er wächst nachweislich gut unter Strahlung, Strahlung verändert nachweislich sein Melanin, und Pilzmaterial kann nachweislich einen Teil der durchgehenden Strahlung abschwächen. Was daraus tatsächlich folgt, wird sich erst mit weiterer Forschung zeigen.
Praktische Tipps
Für Hobbyzüchter: Cladosporium im eigenen Kulturraum erkennen
Für alle, die selbst Pilze ziehen, ist die praktische Seite dieser Geschichte weniger die Strahlung als die Kontamination. Cladosporium-Arten zeigen sich auf Substrat meist als samtiger, schwarz-grünlicher Belag, oft mit leicht muffigem Geruch. Anders als manche Schimmelpilze breitet sich Cladosporium eher langsam aus, ist aber hartnäckig, sobald er sich einmal etabliert hat.
- Befallene Bereiche zügig und komplett entsorgen – nicht kompostieren, wenn andere Kulturen in der Nähe stehen
- Beim Entsorgen keine Sporen aufwirbeln: Cladosporium zählt zu den häufigeren Auslösern für Schimmelpilzallergien
- Luftfeuchtigkeit und Belüftung im Kulturraum überprüfen – meist ist stehende, feuchte Luft der Auslöser
- Werkzeug und Hände nach Kontakt mit befallenem Substrat gründlich reinigen, bevor es an die nächste Charge geht
Für angehende Profis: Melaninreiche Pilze als Forschungsfeld
Über die reine Kontaminationsfrage hinaus lohnt sich ein Blick auf das größere Bild. Melaninreiche, strahlungstolerante Pilze sind für die Bioökonomie und die Raumfahrtforschung ein Thema, das in den kommenden Jahren eher wichtiger als unwichtiger wird – von Strahlenschutzmaterialien bis zu Grundlagenforschung zur Stressresistenz von Pilzen allgemein. Wer sich beruflich mit Pilzbiologie beschäftigen will, tut gut daran, solche Randgebiete zumindest im Blick zu behalten, auch wenn sie mit klassischer Speisepilzzucht erstmal wenig zu tun haben.
Fazit
Ob Cladosporium sphaerospermum Strahlung wirklich als Energiequelle nutzt oder einfach nur außergewöhnlich gut mit ihr umgehen kann, ist wissenschaftlich noch nicht entschieden. Für mich bleibt trotzdem etwas anderes hängen: wie unterschiedlich ein und dieselbe Pilzgattung auftreten kann – im Reaktorschutzbau als Forschungssensation, im eigenen Kulturraum als Kontaminationsproblem, das man mit sauberer Hygiene in den Griff bekommt.
Wer mehr über Hygiene und Kontaminationsvermeidung in der eigenen Zucht lernen will, findet dazu Hintergrund in unseren Pilzzuchtkurse & Workshops oder stöbert im Blog/Ratgeber weiter. Passendes Substrat und Zubehör für die eigene Praxis gibt’s bei den Substrate & Zubehör.

